Die Entstehungsgeschichte von SAT

Das SAT-Programm und seine Wandlung im Laufe der Zeit

Cherif Chalakani hat seit 1978 eng mit Claudio Naranjo zusammengearbeitet und die Entwicklung des SAT-Programms aus nächster Nähe begleitet. Im Folgenden zeichnet er die großen Veränderungen nach, die er im Laufe der vielen Jahre miterlebt hat, und lässt zu jedem Schritt auch Claudio Naranjo selbst zu Wort kommen. Die Zitate stammen aus Claudios autobiografischen Reflexionen « Ascenso y descenso de la montaña sagrada » (Vergara 2019)

1971-1974    |     1987-1990    |     1990      |     2000      |     2010   

1971-1974

Die anfänge des SAT in Berkeley, Kalifornien

Claudio machte in Arica/Chile bei Oscar Ichazo eine tiefgreifende Erfahrung der Bewusstseinserweiterung. Beseelt und die neue Inspiration ausstrahlend kehrt er nach Berkeley zurück. Er bietet dreimonatige Zyklen mit wöchentlichen Treffen an. Darin geht es um eine vertiefte Arbeit an den Persönlichkeitsstrukturen, an ihrer Durchlässigkeit und Öffnung für eine innere Wahrheit von transpersonaler Dimension.

„Es waren jene Momente, in denen die Menschen sich ihrer mentalen Probleme bewusst wurden, die das Bedürfnis nach Transformation weckten, den Wunsch zu erwachen und sich zu befreien.“ C. N.

Diese ersten, noch unstrukturierten Treffen gründeten auf einem psycho-spirituellen Ansatz, der westliche und östliche Traditionen miteinander verbindet:

  • Psychotherapeutische Arbeit
  • Spirituelles Erwachen
  • Körperorientierte Praxis
  • Kreativer und künstlerischer Ausdruck

Claudio verbindet die Lehren Gurdjieffs, Idris Shahs, Oscar Ichazos und solche aus der buddhistischen Meditation mit seinem tiefen Verständnis der Neurose – geprägt durch Freud, Fromm, Horney und Perls. Daraus entsteht eine lebendige Synthese.

„Meine Absicht war es, im Sinne dessen zu arbeiten, was Gurdjieff den ‚Vierten Weg‘ nannte: auf allen Ebenen zu arbeiten und ein Bündel von Praktiken anzubieten, das nicht nur die spirituelle Dimension und die emotionale Therapie umfasst, sondern ebenso den Körper und den Geist einschließt.“ C. N.

Noch gab es kein festgelegtes Curriculum. Claudio teilt vielmehr sein wachsendes Verständnis der verschiedenen Persönlichkeitsstrukturen und erforscht gemeinsam mit den Teilnehmenden mögliche Wege, sie zu überwinden. So beginnt er, das zu konzipieren, was er später die Psychologie der Enneatypen nennen wird.

„Zu behaupten, ich hätte das Enneagramm gelehrt – wie oft gesagt wird –, ist nicht ganz zutreffend, auch wenn die Aufzeichnungen meiner Zuhörer die ersten Beschreibungen der Enneagrammtypen enthielten … Tatsächlich war es der fortlaufende Prozess von Begegnungen in unseren Gruppentreffen, der mich lehrte, was ich über die verschiedenen Persönlichkeitstypen äußerte. Das meiste entstand durch Beobachtungen und Kommentare zu den Eigenschaften, die in den Beiträgen der Teilnehmenden sichtbar wurden.“ C. N.

Eine von Claudios besonderen Fähigkeiten bestand darin, einen Raum zu schaffen, in dem ganzheitliche psycho-spirituelle Arbeit in Gemeinschaft möglich wird:

„Allmählich kam mir die Idee, die Gruppe in eine Art ‚Ego-Mühle‘ zu verwandeln – und zugleich ein System der Selbstheilung zu fördern. Denn der Geist einer Gruppe an sich kann ein heilender Faktor sein – es sei denn, das Gegenteil geschieht. Eine Gruppe kann nämlich durch Konformität auch zu weniger Bewusstsein, weniger Intelligenz und weniger Verantwortungsgefühl verleiten.“ C. N.

Bedeutende Persönlichkeiten wurden eingeladen und brachten ihre Erfahrung in dieses experimentelle Erfahrungsfeld ein – darunter der Rabbiner Zalman Schachter, der taoistische Meister Ch’u Fang Chu und Sri Harish Johari, der tief in der tantrischen Tradition verwurzelt war. Bemerkenswert ist, dass Claudio in dieser Zeit sein Wissen über die Subtypen und die Tugenden noch nicht in die Arbeit einfließen lässt.

„Da ich die Idee eines festen Programms aufgegeben hatte, floss vieles von dem, was ich gelernt hatte, während meiner kalifornischen Jahre nicht in meine Arbeit ein – insbesondere die Subtypen und die Tugenden. Während meiner gesamten Zeit mit der Gruppe in Berkeley hatte ich das Gefühl, dass die Arbeit mit den Fixierungen und den Leidenschaften bereits so umfassend war und die Teilnehmer so viel durch die Kombination von Selbstanalyse, relationaler Heilung, spirituellem Streben, Meditation und Hingabe gewannen, dass es mir weder notwendig noch wirklich passend schien, weitere Themen einzuführen.“ C. N.

Schließlich beschließt Claudio, ein Institut zu gründen, das er SAT nennt. Reza Leah Landman und Kathy Speeth sind Teil dieses nächsten Schrittes.

„Was als stimmige Entfaltung einer Improvisation begonnen hatte, wurde zu SAT – einem Institut und einer gemeinnützigen Organisation aus Mitarbeitenden, Gastlehrenden und einem zugrunde liegenden Studienprogramm. Ich wählte den Namen ‚SAT‘ in einem Moment plötzlicher Eingebung, in dem ich gleichzeitig die verschiedenen Bedeutungen dieser drei Buchstaben erkannte: das Sanskritwort für ‚Sein‘ und ‚Wahrheit‘, die Initialen von Seekers After Truth (Suchende nach Wahrheit) und zugleich ein klangliches Symbol für die drei Prinzipien, die Gurdjieff als aktiv, rezeptiv und versöhnend beschrieb und die meine Arbeit von Anfang an inspiriert und durchzogen haben.“ C. N.

Doch für Claudio begann nach dieser intensiven Phase des Aufbruchs eine Zeit, die er später als „dunkle Nacht der Seele“ beschreibt. Er beschließt, sich zurückzuziehen.

„Am Ende meiner charismatischen und expansiven Phase bemerkten meine Gruppen eine zunehmende Veränderung meiner Präsenz. SAT hatte in einer warmen, beinahe familiären Atmosphäre begonnen. Jetzt jedoch wandelte sich mein Stil zu dem einer spirituellen Autorität – jemand, der nicht nur wusste, wovon er sprach, sondern auch begann, anderen zu sagen, was sie tun oder lassen sollten. Rückblickend würde ich sagen, dass dies eine beginnende ‚ Kontraktion‘ widerspiegelte: Weil ich mich zunehmend unsicher fühlte, musste ich zunehmend bestimmt auftreten.“ C. N.

1987-1990

Babia, Spanien

SAT in Babia (Spanien)

In dieser Phase besteht SAT aus drei Modulen von jeweils einem Monat Dauer und folgt nun einem klar strukturierten Programm. Es findet an einem abgelegenen Ort in der Wüstenlandschaft von Mojácar statt und ist als gemeinschaftliches Leben organisiert. Neben der eigentlichen therapeutischen Arbeit übernehmen die Teilnehmenden auch die alltäglichen Aufgaben des Zusammenlebens – etwa Putzen, Einkaufen, Kochen oder die Pflege des Gartens.

Während das erste SAT in Berkeley noch einer Improvisation glich, so war das Programm, das ich in Spanien entwickelte, ein echtes Curriculum. Ich arbeitete am Vormittag mit der Gruppe; am Nachmittag leiteten Mitarbeitende andere Aktivitäten. Die Beschreibung der einzelnen Elemente unseres ersten Programms kann nur eine vage Vorstellung von der großen Intensität des dynamischen Prozesses innerhalb dieser Gemeinschaft vermitteln. Die Abgeschiedenheit in der Wüste begünstigte tiefe Beziehungen zwischen den Teilnehmenden – und charakterliche Muster traten dabei deutlich hervor.“ C. N.

 

Die folgenden sechs Elemente bildeten die Grundpfeiler der ersten SAT-Programme in Spanien:

Meditation

Die Kultivierung von Aufmerksamkeit konzentriert sich auf das motorische, das emotionale und das mentale Zentrum. Die drei in Einklang zu bringen, bildet eine zentrale Achse des Programms. Claudio führt die Teilnehmenden an verschiedene Meditationsweisen aus der buddhistischen Tradition heran und bietet am Ende des gesamten Zyklus eine intensive zehntägige Retreatphase an.

„Von Anfang an hatte ich vorgesehen, in den drei aufeinanderfolgenden Modulen die drei wichtigsten gegenwärtigen Schulen buddhistischer Meditation vorzustellen: die Theravada-Tradition, den Zen und den tibetischen Buddhismus.“ „Dem SAT-Programm in Babia fügte ich außerdem schon früh eine bedeutende Erweiterung hinzu: eine Phase der Einzelmeditation. In dieser verband ich buddhistische Meditationspraxis mit dem, was Oscar Ichazo über die Arbeit mit Katalysatoren oder heiligen Ideen vermittelt hatte.“ C. N.

 

Das Enneagramm der Persönlichkeit

„Zur Selbsterkenntnis im Licht des Enneagramms habe ich ein Vorgehen auf drei aufeinanderfolgenden Ebenen entwickelt. Im Bereich der Psychotherapie integrierte ich eine Anpassung des psychoanalytischen Ansatzes, die ich als ‚freie Assoziation in einem meditativen Kontext‘ vorstellte. Elemente der Gestalttherapie – in Form zwischenmenschlicher Übungen – kamen hinzu, sowie eine Anpassung kognitiv-behavioraler Methoden, um mit dysfunktionalen Gedanken zu arbeiten und ebenso mit den den jeweiligen Enneatypen entsprechenden Tugenden.“ C. N.

Körperarbeit und künstlerischer Ausdruck

Während des gesamten Monats in Babia wird die sinnliche Wahrnehmung durch Bewegung, Berührung, Massage sowie durch eine sogenannte introspection and proprioception. Cherif Chalakani was collaborating with this new programme and led the bodywork together with Graciella Figueroa, and the birth experience together with Ilse Kretschmer.

 

Arbeit mit den Elternfiguren

„Ich stellte meine eigene Version der Arbeit zur Überwindung frühkindlicher Prägungen vor, die ich Jahre zuvor aus meiner Zusammenarbeit mit Bob Hoffman entwickelt hatte.“ C. N.

Supervision, therapeutisches Theater und gegenseitige Begleitung

„Im dritten Modul arbeiteten an den Nachmittagen mehrere italienische Gestalttherapeuten mit, die bereits im Vorjahr am Programm beteiligt waren. Außerdem lud ich Ramón Resino ein, einen Workshop anzubieten, in dem er seine Erfahrungen als Theaterregisseur mit Gestaltarbeit und sein Verständnis der Enneatypen verbinden konnte. Zudem führte ich einen Prozess der gegenseitig unterstützenden Therapie mit Supervision ein – ein Ansatz, der damals noch nicht so wirksam war, wie er nach mehreren Jahren konsequenter Weiterentwicklung werden sollte.“ C. N.

 

Die psychedelische Arbeit

Claudio war der Auffassung, dass der gelegentliche Einsatz psychotroper Substanzen – innerhalb eines therapeutischen Rahmens und begleitet von entsprechend ausgebildeten Fachleuten – die Wahrnehmung erweitern und die analytische Selbstreflexion vertiefen könne. Aus rechtlichen Gründen gibt er diese spezifische Arbeit jedoch bald wieder auf.

„Wenn ich von einer ‚psychedelischen Revolution‘ spreche, denke ich nicht – wie manche überschwänglichen Enthusiasten – an einen anarchischen Gebrauch von Halluzinogenen. Vielmehr stelle ich mir eine politische Entwicklung vor, die anstelle des ‚Krieges gegen die Drogen‘ einen verantwortungsvollen Umgang mit psychotropen Substanzen ermöglichen würde. Das könnte uns zu etwas führen, das den schamanischen Kulturen ähnelt, in denen die besonderen Fähigkeiten erfahrener Spezialisten anerkannt werden und zugleich die gesamte Gemeinschaft von der außergewöhnlichen Heilkraft sogenannter ‚magischer‘ Pflanzen profitieren kann.“ C. N.

1990
bis heute

SAT in Spanien und in der Welt

Nach den Anfängen in Babia werden die drei SAT-Module zwar in ihrer grundlegenden Struktur beibehalten, doch ihre Dauer wird nun auf jeweils zehn Tage verkürzt.

„Das SAT-Programm selbst hat sich im Laufe der Jahre ständig weiterentwickelt. Es ist zu etwas geworden, das sich kaum im Voraus hätte theoretisch entwerfen oder konstruieren lassen. Vielmehr ist es das Ergebnis eines allmählichen, organischen Entwicklungsprozesses. Eine Folge war die Verdichtung des Programms. Wir verkürzten die ursprünglich einmonatigen Seminare zunächst auf etwa fünfzehn Tage und schließlich auf das heutige Format von etwa zehn Tagen pro Jahr. Diese zeitliche Veränderung wurde möglich, weil unsere Arbeit im Laufe der Jahre immer wirksamer wurde. Mit wachsender Erfahrung und sich verfeinerndem Gespür gelang es mehr und mehr, die verschiedenen Element zu verbinden und ihre Wechselwirkungen sichtbar zu machen.“ C. N.

Die Elemente der drei Grundmodule in Kürze

Modul I bietet eine eher dionysische Perspektive. Es umfasst die Vipassana-Meditation, die Arbeit mit den Leidenschaften und Fixierungen des Enneagramms der Persönlichkeit sowie expressive Körperarbeit rund um Bewegung und Theater.

Modul II ist von einer eher apollinischen Inspiration geprägt. Es führt in die Zen-Meditation ein und behandelt die Subtypen, die „verrückten Ideen“ sowie die Tugenden des Enneagramms. An den Nachmittagen wird mit den Elternfiguren und anderen wichtigen Beziehungen gearbeitet.

Modul III bietet eine Einführung in die tibetische Meditation und betrachtet verschiedene theoretische Ansätze zu den Ursprüngen der Neurose. Am Nachmittag werden im Rahmen von Supervision die Schwierigkeiten der gegenseitigen Begleitung und Unterstützung untersucht – Schwierigkeiten, die durch das Zusammenspiel der Persönlichkeitsmuster entstehen können. Die Arbeit mit der Metapher der Geburt ermöglicht dabei einen Übergang zu einer anderen Ebene des Bewusstseins.

Die SAT-Programme fanden zunächst regelmäßig in Spanien statt, später auch in Italien, Brasilien, Argentinien, Mexiko, Kolumbien, Chile, Uruguay, Peru, Ecuador, Deutschland, Frankreich und Russland.

„Am Anfang gab das SAT-Programm auch Raum für bildnerischen und musikalischen Ausdruck. Als wir jedoch zum kürzeren Zehn-Tage-Format übergingen, entschied ich mich für den dramatischen Ausdruck als Alternative. So integrierte ich die Erfahrungen mit dem, was schließlich zu einer ganz eigenen Kultur des therapeutischen Theaters reifte.“ C. N.

Um
2000

SAT für Pädagogens

In den 2000er-Jahren beginnt Claudio sich stärker gesellschaftlich zu engagieren. Er möchte die patriarchal geprägte Gesellschaft durch eine Transformation der Bildungsstrukturen verändern und entwickelt ein spezielles Programm SAT Educación, das sich jedoch langfristig nur in Mexiko etablierte.

„Mit der Zeit merkten wir, dass diese Gruppen – ursprünglich als Vorbereitung gedacht, um das SAT-Programm in Institutionen einzuführen – dieses Ziel nicht erreichten. Deshalb schien es uns nicht mehr gerechtfertigt, spezielle Programme für Pädagogen anzubieten, die sich von unserem bisherigen Programm unterschieden.“ C. N.

Nach
2010

Einführung von zwei weiteren Modulen

Diese beiden neuen Module sollen die Verbindung und Solidarität innerhalb der SAT-Gemeinschaft erhalten und können immer wieder besucht werden.

Modul IV bietet den Teilnehmenden die Möglichkeit, sich gemeinsam mit Transformation und Entwicklung der verschiedenen Subtypen des Enneagramms zu beschäftigen. Leitfaden ist die Metapher der „Heldenreise“.

„Ursprünglich erwuchs das fünftägige SAT-IV-Modul aus dem Wunsch der Teilnehmer, miteinander und mit mir in Kontakt zu bleiben. So entstand ein Raum der Reflexion über den Transformationsprozess im Allgemeinen und über die Dynamik persönlicher Entwicklung – nicht nur im Licht ihrer universellen Merkmale, sondern auch unter Berücksichtigung der Unterschiede zwischen den Enneatypen.“ C. N.

Modul V geht darüber hinaus und führt von der individuellen Transformation hin zu einem Engagement für kollektiven Wandel. Dabei werden aktuelle gesellschaftliche Themen aufgegriffen, etwa Macht, Sexualität, Tod oder ökologische Fragen.

„Das später entstandene SAT V war ebenfalls eine Antwort auf den Wunsch meiner Schüler, mit mir und untereinander in Verbindung zu bleiben. Zugleich bot es die Gelegenheit, Themen aufzugreifen, die in den früheren Modulen keinen Platz gefunden hatten.“ C. N.

Buch

Ascenso y descenso de la montaña sagrada

Claudio Naranjo
(2019)

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