Im Labor des Lebens – Claudio Naranjo, das Enneagramm und die Pionierjahre des SAT-Programms

Okt. 26, 2026

Interview mit Katrin Reuter & Cherif Chalakani, Institutsleiter von SAT Deutschland Frankreich und Hoffman Institut Frankreich. Geführt von Jochen Schmid & Kathrin Kramer, freie Journalisten

Katrin, wann hast Du erstmals von Claudio Naranjo, vom SAT-Programm erfahren?

Das war 1989 in Spanien, da habe ich am Hoffman Prozess teilgenommen, ich war gerade mal 23. Ein Flyer ging um, mit dem Gesicht von Claudio Naranjo vorne drauf, und er wirkte markant, irgendwie beeindruckend.

Es hat dann aber noch gedauert, bis Du ihn persönlich getroffen hast…

Ja, dreizehn Jahre. Ich hatte gerade meine Doktorarbeit beendet, wollte nach Amerika, weiterstudieren, voll auf akademische Power setzen. Hinzu kam, dass ich mich um den Hoffman Prozess in Europa kümmerte, den bis dahin meine Mutter allein betreute. Da fühlte ich mich auch ein bisschen in der Pflicht. Noch konnte ich die Brücke nicht bauen, die mich in andere Welten der Psychologie und der Psychotherapie führen sollte. Man muss auch wissen: In der europäischen Hoffman-Welt sprach damals niemand vom Enneagramm und von Naranjo, obwohl Claudio Naranjo und Bob Hoffman ja sehr eng miteinander konnten, man kann sagen: Freunde waren, und beide, auf je eigene Art, den Hoffman Prozess geprägt haben.

Und 2002 bist Du, die promovierte Psychologin, wieder nach Spanien gefahren, diesmal, um Claudio Naranjo kennenzulernen…

Fahre ins kantabrische Gebirge, rustikales Zentrum, Stockbetten, 80 bis 90 Leute. Huch, was mach ich hier… Sitze in einer Riesenrunde, höre Claudio Naranjo zu und lerne dieses Enneagramm kennen. Und denke zunehmend: wow, wow, wow. Was ist das denn? Das gibt es? Warum hat mir das niemand erzählt, als ich studiert und meine Therapieausbildung gemacht habe? Da lernen wir Persönlichkeitspsychologie an der Uni, und es ist alles nur wenig anwendbar. Hier aber erleben wir etwas umfassend Tiefgehendes, mit dem sich auch noch arbeiten lässt.

Was hat dich in der Begegnung mit Naranjo besonders beeindruckt?

Ich kenne keinen Menschen, der so viele Bereiche des Lebens miteinander verbinden und in einen Gesamtzusammenhang bringen kann – Themen aus der Anthropologie, aus der Philosophie, aus der Musik. Manchmal verlierst du dich darin. Doch oft hatte es eine erstaunliche Klarheit und zeigte auf, wie wir innerlich funktionieren als Menschen und wohin wir uns entwickeln können. In Spanien traf ich auf einen altersweisen Mann, er glich ein bisschen einem in die Jahre gekommenem Hippie.

Cherif, Du hast ganz andere Wege genommen, die Dich mit Claudio Naranjo zusammenführten, …

Da muss ich ein wenig ausholen. Ich bin eigentlich Ägypter, aber in Paris geboren; habe dort Mathematik studiert und als französischer Staatsbürger meinen Wehrdienst in Venezuela als Mathematiklehrer abgeleistet. Dort traf ich 1975 auf den Psychiater Rafael Estrada, einen Experten für bioenergetische Arbeit. Er leitete das „Wilhelm-Reich-Institut“ in Mexiko und war zudem sehr stark in der Arbeit mit Psychedelika engagiert. Da ich mich nicht zwischen meinen getrennten Eltern, meiner Mutter in Paris, meinem Vater in Kairo, entscheiden wollte, beschloss ich, nach Mexiko zu gehen, das war für mich die sicherere Option. Ich lernte weiter bei und mit Rafael, heiratete, und meine Frau Blanca Rosa, ebenfalls eine bedeutende Körpertherapeutin, nahm mich einfach bei der Hand und sagte: „Okay, Cherif, du willst kein Mathematiker mehr sein? Okay, dann lass uns mehr über Körperarbeit lernen.“ Das war mein erster Moment des Staunens.

Und Cherif war für die Mathematik verloren…

Ich hatte sie vergessen. Ich war Mathematiker, indem ich dem Mainstream folgte, einen guten Studenten an der Uni abgab und kein wirklich tiefes Gespür für meine eigene Berufung hatte. Also schwamm ich einfach mit dem Strom, und das war falsch. Zu viel Kopfarbeit. Ich war wirklich von meinen Emotionen und meiner körperlichen Wahrnehmung abgekoppelt. Ich war verloren und litt unter dem Verlust des Vaters, der in Ägypten unter Nasser in den Untergrund gegangen war. In Mexiko machte ich weiter meine Körperarbeit und experimentierte mit Psychedelika. Später nahm ich ein Masterstudium im Fach „Beratung“ auf und lernte langsam, in meinen eigenen Ansatz von Körperarbeit zu vertrauen.

Und wie kam es zum Kontakt mit Claudio Naranjo und seiner Lehre vom Enneagramm?

Ich fuhr mit meiner Frau Blanca nach Deutschland und traf ihn in München. Das muss 1978 gewesen sein. Er steckte gerade in einer tiefen persönlichen Krise. Aber Blanca sah in ihm einen sehr wichtigen Lehrer und lud ihn nach Mexiko ein. Er lebte damals in Berkeley. Von 1978 bis 1983 hielt er also Workshops bei uns in unserer mexikanischen Therapeuten-Familie ab, ohne allerdings ein Wort über das Enneagramm zu verlieren.

Warum das?

Cherif: Er fühlte eine innere Verpflichtung, dieses Wissen zu bewahren. Aber dann, ich glaube, es war im Jahr 1983, erschien ein Buch amerikanischer Jesuiten über das Enneagramm. Und einer meiner besten Freunde in Mexiko schenkte ihm das Buch, und er war so wütend, weil diese Leute das bis dahin streng gehütete Geheimnis preisgegeben hatten. Danach fing er an zu sagen: „Okay, wenn das jetzt in den Vereinigten Staaten offengelegt ist, werde ich es Euch in Mexiko offenlegen.“ Also begannen wir, nicht nur Gestaltgruppen, nicht nur Musikgruppen, nicht nur Meditationsgruppen zu bilden, sondern auch den Enneagramm-Unterricht einzurichten.

Die Psychedelika waren kein Mittel der Wahl mehr…

Cherif: Claudio Naranjo war wirklich jemand, der sehr viel Erfahrung damit hatte, wie man die Substanzen auf therapeutische Weise einsetzt. Aber es wurde schwierig, weil es in Mexiko verboten war. Einige meiner besten Freunde kamen ins Gefängnis. Es war schließlich nicht mehr Teil unserer Arbeit.

Dann beschloss Claudio Naranjo, nach Spanien zu gehen…

Cherif: Die Gruppe zog letztendlich 1987 nach Babia, in Südandalusien. Claudio war so wütend gewesen über die amerikanische Art, das Enneagramm zu lehren, dass er beschloss, damit nicht in die Vereinigten Staaten zurückzukehren, sondern seine eigene Arbeit damit in Spanien zu beginnen. Damals in Spanien waren wir vielleicht fünf oder sechs Therapeutinnen und Therapeuten, die mit ihm arbeiteten, darunter ich. Meine Arbeit fand auf körperlicher Ebene statt: Ich führte Atemarbeit, Massage, Bewegung und Tanz ein. So kamen die ersten SAT-Programme in Spanien zustande, intensiv und hektisch, und sie dauerten einen ganzen Monat. Heute wäre das so nicht mehr möglich.

Wie lebte es sich da, in Andalusien?

Cherif: Es war wie in einer Kommune. Wir haben zusammen gekocht, wir haben gemeinsam aufgeräumt, wir haben zusammengelebt und gleichzeitig den Prozess der inneren Arbeit durchlaufen. Und der einzige Tag, an dem wir uns die Freiheit nahmen, an den Strand zu gehen, war der Sonntagnachmittag. Wir hatten Zeit, im Meer zu schwimmen und dann wieder zurückzukommen für eine ganze Woche intensiver, sehr intensiver Arbeit am Enneagramm, an Körperarbeit, an Gestalttherapie, an Meditation, an was auch immer. An den ersten SAT-Seminaren nahmen dann 30 bis 40 Leute teil.

Und was hat euch zusammengehalten, als Therapeuten-Team?

Cherif: Ich glaube, die Bewunderung für Claudio – wir waren wie Geschwister, die denselben Vater gemeinsam hatten. Natürlich gab es auch Reibereien und Streit und Konkurrenz untereinander. Aber Claudio war selbstbewusst genug, um diesen Prozess – unser Selbstvertrauen und den Kampf zwischen uns – als Teil des Ganzen zuzulassen. Und wenn es dann doch heftig wurde, zu heftig, nahm er auch das Ruder in die Hand.

Und dieses Gefüge wuchs zusammen?

Cherif: Das war wie ein großes Labor. Wenn Ihr mich fragt, was ich über Claudio denke: Er öffnete einfach sehr viel Raum, mentalen Raum, um Musik, Philosophie, Psychologie und Psychedelika zu integrieren. Ich meine, er war einfach ein ganz außergewöhnlicher Geist. Er hatte allerdings gewisse Schwierigkeiten im emotionalen und zwischenmenschlichen Bereich. Er wusste also nicht wirklich, wie er persönlich mit anderen umgehen sollte, schon gar nicht mit einer Gruppe und erst recht nicht mit einer so großen Gruppe, die wir schließlich um ihn herum aufgebaut haben. Ich, der ich nach dem idealen Vater suchte, musste erfahren, dass Claudio das nicht war. Er war ein Mensch mit seinen eigenen Schwierigkeiten, und ich musste akzeptieren, dass meine Suche darin bestand, mich so zu verändern, dass ich ihn als Menschen akzeptieren konnte – mit seinen ganz eigenen Möglichkeiten und Grenzen und nicht als Gott oder Guru. Das war also eine große Herausforderung und eine wichtige Lernerfahrung für mich durch ihn.

Und wie ging es nach diesen ersten Erfahrungen weiter?

Cherif: Ich kannte Claudio Naranjo von 1978 bis zu seinem Tod im Jahr 2019, etwa vierzig Jahre lang, habe ihn in Mexiko, in Spanien und dann in Deutschland und Frankreich erlebt. Dabei veränderte sich die Arbeit; er passte das SAT-Programm an sein eigenes Verständnis dessen an, was nötig war. Also durchliefen wir eine Art Veränderung der Modalitäten des SAT. Aber Körper- und Bewegungsarbeit war immer ein zentraler Bestandteil: die Aufmerksamkeit aufwärmen, die Emotionen aufwärmen, den Körper aufwärmen. Und genau das sollte ich tun, dazu hatte er mich eingeladen.

Und wie lehrte er das Enneagramm?

Cherif: Der wichtigste Punkt im Streit zwischen Claudio und der amerikanischen Herangehensweise ist, dass für Claudio das Enneagramm eine Ressource war und nicht ein Regelwerk. Er wollte, dass man die eigene Persönlichkeit versteht, und dieses Verständnis sollte von innen kommen – durch Körperarbeit, durch Theater, durch die biografische Arbeit. Es ist ein Weg, unter seiner Anleitung oder unter Einfluss der Gruppe selbstständig den eigenen Enneagramm-Typen zu entdecken. Die amerikanische Herangehensweise ist eher so: „Okay, man gibt ihnen die verschiedenen Persönlichkeiten vor, und die Leute machen einen Test oder sagen einfach: ‚Ähm, okay, ich bin oder ich habe diese Art von Struktur.‘“

Claudios Idee hingegen war welche?

Cherif: Claudio wollte nicht einfach etwas vorgeben. Er wollte, dass wir die innere Arbeit durchlaufen, um selbst die eigene verrückte Struktur in uns zu entdecken und in der Lage zu sein daran zu arbeiten, mit der Unterstützung in einer Gruppe. Das war ein Teil dessen, was Claudio nach und nach in SAT eingeführt hat: Es gibt Einzelarbeit, es gibt die Arbeit zu zweit, man arbeitet in Dreiergruppen, man war in einer kleinen Familie, einer kleinen Gruppe, oder man arbeitet in der großen Gruppe – wenn es 30 Personen sind, wenn es 100 Personen sind, egal. Er war immer auf der Suche nach dem Labor, um an diesen Strukturen gemeinsam zu arbeiten, sie gemeinsam zu prägen.

Was, würdest du sagen, waren die wesentlichen Grundlagen während dieser ersten SAT-Jahre?

Cherif: Seine Arbeit sollte eine dionysische Struktur haben. Einfach in die Lage geraten loszulassen, durch Bewegung, Tanz, Atmung und Theater. Ein verrückter, verrückter Ansatz. Ich meine, den Verstand am Nachmittag loszulassen, um die eigene Freiheit zu finden, Freiheit oder Nicht-Freiheit zu erforschen. Ein weiterer wichtiger Aspekt kam dazu: Ihm war sehr klar, dass er die psychologische Arbeit mit der spirituellen Arbeit verschmelzen musste. Und das geschah im Rahmen derselben Arbeit. Ich weiß nicht, ob Ihr das versteht.

Erklär’s uns.

Cherif: Für ihn ist das Ego eine psychologische Struktur. Man mag sich seiner Struktur bewusst sein, man mag daran arbeiten wollen, die Ego-Struktur zu transformieren – und das ist Teil der psychologischen Arbeit –, aber die spirituelle Arbeit besteht darin, von Zeit zu Zeit außerhalb der Ego-Struktur zu funktionieren, sich von Zeit zu Zeit außerhalb der Ego-Struktur zu bewegen. Es ist eine andere Erfahrung, die man von Zeit zu Zeit machen kann: „Okay, ich bin nicht mein Ego, ich bin etwas anderes.“ Das lässt sich gut mit Psychedelika erreichen. Man tritt aus seinem Ego heraus. Aber wie macht man dieselbe Arbeit ohne Psychedelika? Das ist eine echte Aufgabe. Und es geschah durch Bewegung, Atmen, Tanz, Theater, Meditation. Durch Loslassen.

 Und was hast Du, Katrin, mit Deiner Begeisterung für Naranjos Lehren gemacht?

Katrin: Tja, nach der Absolvierung des SAT-Modul 1 in Spanien war ich hin und weg. Hab dann alle Module bis 4 durchlaufen, bin in Amerika gewesen, habe an der Stanford University existentielle Psychotherapie studiert. Hatte dort auch Kontakt mit Claudio, aber er war sehr viel unterwegs. Immerhin: Die Wellen berührten sich. Es gab da eine Konferenz in Santa Monica, da habe ich ihn erlebt. Da hat er viel geschimpft über das, was da ohne sein Wissen und Wollen mit dem Enneagramm angerichtet wurde, zum Beispiel an Kindern und Jugendlichen.

Und das hat dich dazu veranlasst, seine Lehren zu Deiner Arbeit zu machen…

Katrin:  Moment. Das war nicht so geplant. Denn neben der persönlichen Katrin gab es ja noch die junge Psychotherapeuten-Katrin. Die machte weiter den Hoffman Prozess. Stand an ihrer Mutters Seite, als Co-Leiterin. Fing an, Leute auszubilden. Die Habilitation schwebte ihr immer noch vor. Der Karrieretrip war noch nicht beendet. Hatte SAT 1-4 in Spanien gemacht, war in Amerika gewesen, und dachte, okay, das war’s jetzt. Toll. Bis ich ein halbes Jahr später eine Mail von Claudio erhielt…

Welchen Inhalts?

Katrin: Er war auf eine pädagogische Konferenz am Odenwald-Institut eingeladen. Das war im Jahre 2006. Claudio war fast militant unterwegs mit allem, was mit Erziehungssystemen und Bildungsarbeit zu tun hatte. Daraufhin entschieden die Leiter des Odenwald-Instituts, ein erstes SAT in Deutschland zu veranstalten. Und er schrieb mir einfach: „Komm“. Komm? Ich hatte keine Ahnung, weshalb und wohin, aber das war typisch für ihn: Struktur in der Strukturlosigkeit. Und Katrin kam natürlich. Ich wurde seine Übersetzerin und für die nächsten drei, vier Jahre seine deutsche Stimme.

Wie ging es weiter?

Katrin: Es gab mehrere SAT-Seminare im Odenwald, zwischen 2006 und 2009. Ich konnte da hineinwachsen. Claudio war wahnsinnig froh, in Deutschland akzeptiert zu werden. Er meinte bis dahin, die Deutschen möchten ihn nicht. Hat sich sehr ins Zeug gelegt. Und die Leute strömten selbst von Australien, Italien, Brasilien herbei. Bis das Odenwald-Institut die SAT-Arbeit nicht weiter anbieten konnte. Ich habe dann das Hoffman-Institut für diese neue Aufgabe geöffnet. Der Ball flog vom Odenwald-Institut ab, und ich fing ihn auf.

Glückliche Fügung?

Naja, irgend etwas hatte da gerufen, und ich griff zu.

Was hast du mit dem Ball gemacht?

Katrin: Ich wusste, dass SAT aus Deutschland nicht einfach verschwinden darf. Aber ich wusste auch, ich kann das nicht allein stemmen, neben dem Hoffman-Institut. Also habe ich bei ZIST angerufen, dem „Zentrum zur Entwicklung menschlicher Kompetenz durch Selbsterfahrung, Wegbegleitung, Psychotherapie und Coaching“ im Allgäu, gegründet von Wolf Büntig. Ein paar Stunden später rief Wolf Büntig zurück und sagte nur: „Ja, Wolf Büntig hier. Claudio Naranjo, den will ich hier am Platz.“

Und so geschah es…

Katrin: Claudio kam jedes Jahr, hatte seine kleine Wohnung dort. ZIST organisierte ab 2011 die meisten Veranstaltungen in Deutschland, ich die in Frankreich. Schon zuvor, auf der Konferenz in Todtmoos 2010, einem Riesending mit 200 Leuten, hatte Claudio sein Enneagramm in Kreise getragen, die es noch nicht kannten. Von da an haben wir mehrere große Events gestemmt, das letzte 2018 in Oldenburg.

Und wann bist du als Lehrende eingestiegen?

Katrin: So nach und nach. Ich habe immer auf den Schwertschlag von Claudio gewartet, da konnte man aber lange warten. Ich hatte manchmal das Gefühl, der traut mir gar nichts zu. War keiner, der sagte, jetzt machst du das und das, und das kannst du. Aber wie gesagt: Ich bin hineingewachsen.

Cherif, kannst du uns erzählen, wann du Katrin kennengelernt hast?

Cherif: Das war bei einem der ersten SAT-Seminare in Deutschland, 2008, eben am Odenwald-Institut. Ich war Teil des Teams und sie gehörte zu den Übersetzern. Sie hat mein Französisch ins Englische übertragen. Es gab da schon von Anfang an eine Art Anziehung, aber sie war mit einem anderen zusammen und ich war noch verheiratet, also ist eigentlich nichts passiert, außer dass da ein Gefühl war, da ist was im Gange.

Wie kam es dazu, dass Ihr Euch für diese Arbeit zusammengetan habt?

Cherif: Als Katrin beschloss, mit Unterstützung von Claudio das SAT-Programm im ZIST zu starten, wies alles auf wachsenden Erfolg seiner Lehre in Deutschland hin. Es wurde zu unseren beiden Aufgaben, Claudio zu betreuen und für ihn und die Arbeit da zu sein. Auch stellten wir fest, dass wir für die biographische Arbeit die gleiche Methode einsetzten, sie im Hoffman Prozess, ich mit Claudios Ansatz. Da hatten wir dann noch mehr gemeinsam. Und da wir zu alt waren, um noch Eltern zu werden, haben wir halt das SAT-Programm zu unserem Kind gemacht.

Cherif, wo siehst du das SAT-Programm in zehn Jahren?

Cherif: Ich denke, eine der Stärken des SAT-Programms ist die, dass es eine Gemeinschaftsarbeit ist, für die alle Teilnehmer, sagen wir mal, acht, neun Tage lang zusammenarbeiten. Sich persönlich begegnen. Aber in der heutigen Zeit ist es für viele Menschen ziemlich unmöglich, auch nur acht freie Tage zu haben, um zusammenzukommen. Was wir aber als Menschen brauchen, statt sich in den Räumen des Internets zu bewegen, ist: in einer Beziehung zu sein – nicht virtuell, sondern physisch, mit Emotionen und mit Transparenz. Einiges davon lässt sich zwar per Videokonferenz bewerkstelligen, aber die Stärke der Beziehung, des physischen Kontakts, des Augenkontakts, des bewussten Kontakts miteinander – all das ist heute unverzichtbar, und ich glaube, in zehn Jahren wird es noch wichtiger sein. Es ist einfach bedeutsam, dass wir keine Menschen sein können, ohne das Bedürfnis nach Zugehörigkeit zu respektieren – es ist schön, gemeinsam zu lernen, wie man in Liebe zusammenlebt und Toleranz für Unterschiede aufbringt. Es ist großartig.

Hat Euch Claudio am Ende seines Lebens etwas mit auf Euren Weg gegeben?

Katrin: Das ist ein bisschen ambivalent. Klar, wir haben alle von seiner Erfahrung und seiner Intuition profitiert. Sie begleitet uns in unserer Arbeit. Aber er konnte auch Konkurrenz säen und hatte eine leicht paranoide Seite. Direkt nach dem letzten großen internationalen Seminar in der Nähe von Oldenburg, das Cherif und ich mit unserem Institut organisiert – man kann auch sagen: gestemmt – haben, rief Claudio mich an, nur um uns zu sagen: „Versprich mir, dass ihr diese Arbeit fortsetzt.“ Das war ein Auftrag und eine große Anerkennung. Kurze Zeit später warf er uns vor, Geld hinterzogen zu haben, was sehr absurd war. Ihm ging es damals schon sehr schlecht, und er stand unter vielerlei Einfluss.

Und was macht ihr jetzt draus, aus dem Auftrag?

Katrin: SAT gibt es inzwischen weltumgreifend, mit Schwerpunkt in den lateinamerikanischen Ländern, in Italien, Spanien, Deutschland, Frankreich und Russland. Es gab Versuche auch in England und den Vereinigten Staaten. Das SAT in englischer Sprache wurde schliesslich  bei uns in Deutschland angeboten, zumal Claudio Naranjo bei seinen Seminaren in Deutschland immer in Englisch gelehrt hatte. Zuletzt sind wir nach Bulgarien gegangen und es gibt ein Vorhaben für Ägypten, was insbesondere Cherif begeistert. Allerorten wird kraftvolle Arbeit geleistet. Leider gibt es wenig Struktur in der Zusammenarbeit der einzelnen SAT-Institute. Claudio Naranjo war eher ein Verhinderer von Strukturen, alles gruppierte sich lose um ihn herum. Claudio erwartete von denen, mit denen er zusammenarbeitete, Loyalität und auch Anerkennung seiner Meisterschaft, aber Strukturen: niemals!

Wie hätte er selbst es gesehen, mit SAT und der Zukunft?

Katrin: Wenn du ihn gefragt hättest, hätte er gesagt, die Arbeit wird sich fortsetzen über die Samen, die gelegt sind, und die Menschen, die die Arbeit tragen, weiterführen und verändern. Ein Konzept besteht dank der starken Menschen, die Claudio und sein Wirken bestens kennen. Solche Leute gehen auch durch die Länder und bilden aus. Noch gibt es kein einheitliches Ausbildungsprogramm. Aber wir versuchen, eine internationale Struktur nun im Nachhinein zu schaffen und den Spirit, den Claudio verbreitet hat, weiter zu befeuern.

Was macht Euch stark, an dem Konzept festzuhalten und es weiter in die Welt zu tragen?

Katrin: Was ich gemerkt habe: Hier ist eine Aufgabe, die passt zu mir. SAT ist erst einmal ein Raum, der geöffnet wird, sich mit Inhalten füllt, wo so viel Menschliches möglich ist, und ich spüre, wenn ich das nicht mache, dann tut es erstmal keiner hier. Meine Aufgabe ist es, dafür die Menschen zusammenzubringen, zu vernetzen.

Wozu braucht es SAT heute in dieser schwierigen, irren, wirren Zeit?

Cherif: Es ist ein soziales Projekt. Wir arbeiten auf einer ethischen Grundlage. Wirtschaftlich läuft unser Projekt nicht zufriedenstellend, aber wir müssen es tun. Die Saat, die wir säen, wird, so hoffen wir, auf der gesellschaftlichen, auf der sozialen Ebene aufgehen. Es ist auch eine politische Sache, und sie hätte meinem Vater, dem arabischen Freiheitskämpfer, gefallen, der sich immer gewundert hat, was sein Sohn Cherif da veranstaltet. Und Claudio Naranjo wäre mit dieser Sicht der Dinge sowieso einverstanden.

Katrin: Indem wir an unserer Persönlichkeit arbeiten, an unserer inneren Tiefenstruktur, an unseren Prägungen, wie wir denken, handeln und fühlen – durch das alles schaffen wir die Freiheit, die es braucht, andere Wege zu gehen, nicht nur persönlich, auch gesellschaftlich. Wir brauchen Räume der Begegnung, wo wir tatsächlich lernen, menschlich miteinander umzugehen. Klingt pathetisch, aber: Das ist SAT.